Zukunftskonferenz "Bessere Bildung für alle"

Veröffentlicht am 21.12.2008 in Ortsverein

Bericht von der Zukunftskonferenz „Bessere Bildung für alle“ in Ballrechten-
Dottingen am 15. November 2008.

Impulse für eine innovative Bildungspolitik, die Vertiefung des Dialogs mit den Akteuren und Interessierten, um die daraus folgenden Konsequenzen und notwendigen Reformmaßnahmen abzuleiten. Initiator Klaus Bayer erwies in seinem Eingangsstatement eindringlich auf den Zweck der am Samstag, den 15. November in der Castellberghalle in Ballrechten-Dottingen vom sozialdemokratischen „Bildungsaufbruch in Baden-Württemberg“ veranstalteten Konferenz.

Impulse

Doris Ahnen: Von der Vision zur politischen Praxis – Konzepte und Umsetzungsstrategien innovativer Bildungspolitik in Rheinland-Pfalz
Albert Scherr: Die Schule der Zukunft – Impulse und Forderungen
Gerda Holz: Zukunft verbaut? Armut verhindert Bildung!

Dieser Dreischritt fand sich in der Konferenzstruktur wieder und die Ministerin für Bildung, Jugend und Kultur des Landes Rheinland Pfalz, Doris Ahnen eröffnete das erste Feld „Impulse“ mit einem Bericht aus der politischen Praxis. Dabei verwies die Ministerin auf zwei grundlegende Voraussetzungen: Erstens müssten alle Reformschritte immer in Bezug zueinander stehen, zweitens müsse die Grundlage jeder Reform immer in der Chancengleichheit „und“ der Leistungsfähigkeit des Systems bestehen. Keinesfalls dürfe eine Reform auf Leistung „oder“ Chancen hinauslaufen.
Zudem plädierte Ahnen neben einer deutlich verbesserten individuellen Förderung der Schüler/innen für differenzierte Weiterbildungs- und Qualifizierungsprogramme in allen pädagogischen Bereichen.

Albert Scherr, Soziologe an der PH-Freiburg wies darauf hin, dass es zwingend geboten sei, das mehrgliedrige Schulsystem in ein eingliedriges umzuwandeln. Wolle man dies nicht, so müsse mindestens eine einheitlich lange Lernzeit für alle Schüler eingeführt werden. Unter Bezug auf die
Pisastudie und seine eigene Forschung verwies Scherr darauf, dass die Schulleistung erwiesenermaßen nicht von der Gliederung des Schulsystems abhänge, eine Systemgliederung aber nachweisbar zur Chancenungleichheit führe. Gerade die deutsche Schulstruktur führe zur „Durchreichung“ schwächerer Schüler nach unten, was dann auch zur Folge habe, dass das Gymnasium die am wenigsten lernfähige Schule sei – hier brauche man die wenigsten pädagogischen Konzepte, bzw. Kompetenz. Das Ende schulischer Hierarchisierung bedeutete für den Freiburger Soziologen aber auch das Ende der Lehrerhierarchien bis hin zur Bezahlung und Aufstiegsstruktur. Zum Schluss warnte Scherr, dass Schulautonomie nicht reine Verantwortungsdelegation der Politik an die Schulen sein dürfe.

In der Sache genauso deutlich äußerte sich danach Gerda Holz vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik Frankfurt a.M. Holz fragte, wie wir mit Kindern umgingen und antwortete, wir trügen Verantwortung für sie. Schule sei damit öffentliche Verantwortung für Kinder. Diese öffentliche Verantwortung ginge aber weit über die Schule hinaus. Die stellvertretende Direktorin des Frankfurter Instituts führte weiter aus, dass die Erwerbsgesellschaft immer eine Geldgesellschaft sei, also alles Geld koste. Habe man letzteres nicht, lebe man in Armut. Einkommensmangel impliziere sowohl Bildungsmängel, wie weitergehend soziale Mängel. So betrage etwa der in Hartz IV angerechnete Satz für Bücher/Zeitschriften/Schreibwaren bei Kindern gerade einmal Fünf Euro! Wie könne es dann noch sein, dass Kindergelderhöhungen von den Hartzsätzen abgezogen würden? Sie fordere daher nicht nur kostenlose Bildung, sondern generell kostenlose Zugänge, etwa zu Schwimmbädern oder Sportvereinen. Zudem dürfe Armut nicht tabuisiert werden, sondern müsse benannt werden, damit Arme dementsprechend unterstützt werden
könnten. Zu Schluss schloss sie sich ihrem Vorredner Scherr an: Der Ausgleich ungleicher Chancen sei eine öffentliche Verantwortung!

Dialog
Claus Munkwitz – Hauptgeschäftsführer Handwerkskammer Stuttgart
Willi Zierer – Stellvertretender Geschäftsführer Volkshochschulverband BW
Andrea Weiß – Initiative Schule mit Zukunft
Doris Barzen – Vorsitzende AK Gesamtelternbeiräte BW
Rudolf Bosch – Rektor Hauptschule Kuppelnau mit Werkrealschule
Hagen Battran – Bezirkspersonalrat Gymnasien GEW

Nach einer kurzen Kaffeepause begann dieser Abschnitt mit einer Reihe von Statements der Podiumsbeteiligten. Claus Munkwitz, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Stuttgart, verwies darauf, dass es immer weniger Schüler gebe, die sowohl die Freude, wie auch die
Fähigkeiten zur Handwerkausbildung mitbrächten. Schule müsse neu gedacht werden und mindestens 9 Jahre sollten alle Schüler gemeinsam verbringen. Die Stuttgarter Handwerkskammer war mit einem Positionspapier aufgefallen, in dem die Gemeinschaftsschule gefordert wurde.

Willi Zierer, stellvertretender Geschäftsführer des Volkshochschulverbandes Baden-Württemberg beklagte, dass Weiterbildung noch immer ein verkanntes Schattendasein führe. Bildung sei aber ein dynamisch andauernder Prozeß. Zudem könne Weiterbildung nicht einfach ökonomisch auf Fachwissen reduziert werden, sondern müsse ganz klar auch aus Allgemeinbildung bestehen – die sei schließlich der Schlüssel zum Verständnis der Welt.

Das die deutschen Schulen ein massives Strukturproblem haben, darauf machte Andrea Weiß von der Initiative „Schule mit Zukunft“ aufmerksam. Versuchten engagierte Eltern, so Weiß, Impulse in die Schulen hinein zu geben, stellten diese immer wieder fest, dass dies nicht gelinge. Die Schulen, bzw. das Lehrpersonal habe derart mit den Strukturen zu kämpfen, dass inhaltliche Fragen kaum Beachtung fänden. Weiß machte zudem klar, dass Schulreformen nur dann gelängen, wenn sowohl die Schulstruktur, wie auch die finanzielle Ausstattung danach sei. Daran zu arbeiten wären aber alle aufgefordert.

Doris Barzen, Vorsitzende des AK Gesamtelternbeiräte BW plädierte für ein eingliedriges, 10 Jahre dauerndes Schulsystem, in dem das Kind im Vordergrund zu stehen habe. Schule müsse Kinder willkommen heißen und zwar unabhängig von ihrer „Herkunft“.

Rudolf Bosch, der Rektor der Hauptschule Kuppelnau, seit dem von ihm maßgeblich mit eingeleiteten „Offenen Brief“ einer ganzen Reihe von Hauptschullehrern an die Landesregierung, nicht ganz unbekannt, klassifizierte das vorhandene Schulsystem als „Reparaturbetrieb“, den sich die Gesellschaft nicht mehr länger leisten könne – weder finanziell oder wirtschaftlich, noch sozial. (Zudem konnte er kurz darlegen, was im „Ländle“ passiert, wenn ein Staatsbediensteter „aufmuckt“)

Der Vertreter der GEW, Hagen Battran fragte warum eine Schulreform nicht gelingen könne? Er erklärte dann, dies liege an der Neoliberalisierung der Bildung. Die Ökonomisierung und Konkurrenz der Bildungseinrichtungen untereinander, also das Bertelsmannsche „Leben unter Marktwirtschaftsbedingungen“ sei reiner Marktradikalismus. Ginge es nur um den Erhalt der Wirtschaftsfähigkeit, werde der Mensch zum Humankapital reduziert, eben nicht zum partizipativen Bürger. Das alles stehe den Forderungen der SPD diametral gegenüber.

In der anschließenden Diskussion wurde erstens Kritik an der SPD, besser der Landtagsfraktion deutlich. Diese sei nicht konsequent genug. Zweitens wurde gefordert, es müsse seitens der engagierten Gruppierungen versucht werden, nicht einzeln, sondern mit einer Stimme zu sprechen. Christoph Bayer verwies darauf, dass dies wohl nicht immer gelänge, es müsse aber zu strategischen Bündnissen kommen. Das die wirtschaftlichen Gründe, aus denen der Bildungseinsatz der Wirtschaft resultiert, ganz andere seien als der Neoliberalismus immer behaupte, versuchte Claus Munkwitz darzulegen. Er deutete wie einige andere kurz an, dass es bei der ganzen Bildungsdiskussion eher um Fragen der Macht, weniger um pädagogische Fragen gehe.

Konsequenzen
Claus Schmiedel: Bessere Bildung für alle – Das bildungspolitische Konzept der SPDLandtagsfraktion
Im abschließenden Panel „Konsequenzen“ erläuterte der Fraktionsvorsitzende der SPDLandtagsfraktion, Klaus Schmiedel das bildungspolitische Konzept der baden-württembergischen
Sozialdemokratie. Da dieses Programm inzwischen allen bekannt sein sollte, hier nur noch einige Eckpunkte, die besonders hervorgehoben wurden: Entschieden verbesserte vorschulische Bildung, Zehnjährige Gemeinschaftschule für alle, verbindliche gebundene Ganztagesschule. Schmiedel verwies grundsätzlich darauf, dass bei einer Schulreform alle Betroffenen eingebunden werden müssten. Das hieße, es sei zu wenig, wenn sich etwa von Elternseite nur die Gymnasiasteneltern engagierten, man müsse auch die Eltern der Hauptschüler hören, bzw. ihnen eine Stimme geben. Zudem müsse generell die Kommunikation zwischen allen Betroffenen verbessert werden.

Nach dem Vortrag des Fraktionsvorsitzenden endete die Konferenz mit der Möglichkeit zu Gesprächen mit den Referenten und Referentinnen.

 

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