Die Schwachstelle der atomaren Energiewirtschaft ist der Atommüll. Während die Wissenschaft das Problem nicht zu lösen weiß und die Industrie das Thema klein redet, weicht die Politik dem Thema aus. Währenddessen muss die Bevölkerung ob solch unklarer Verhältnisse und Vorstellungen nicht nur ihre Ängste sondern auch noch ein Demokratiedefizit bewältigen.
Worum geht es also bei dem Thema Atommüll wirklich? Dieser Frage geht der Film „Albtraum Atommüll“, eine im Jahr 2009 gedrehte Produktion Eric Guerets und Laure Nuoalhats von ARTE France nach. Zur Vorführung dieses Films hatten am Donnerstag, den 20. Januar 2011 der BUND Gundelfingen gemeinsam mit dem Ortsverein Bündnis 90/Die Grünen und dem SPD-Ortsverein Gundelfingen, bzw. deren AK-Atomausstieg, die Gundelfinger Bürgerinnen und Bürger, aber auch alle anderen Interessierten der näheren Umgebung eingeladen. Erfreulicherweise waren rund 70 Zuschauer der Einladung in das Kultur- und Vereinshaus gefolgt. Thomas Dressler für den BUND und Gabriele Westermayer von den Grünen führten kurz in den Film ein. Für die SPD übernahm Wolfgang Kappler den „Filmabspann“ und leitete zum informellen Teil des Abends über.
Der Ausgangspunkt des Films rekurriert noch einmal auf den seinerzeitigen Fund geborstener Fässer vor der französischen Atlantikküste – „Reden wir darüber“. Greenpeace hatte sich gefragt, was wohl aus den einstmals mit atomaren Abfällen gefüllten, und dann im Meer versengten Fässern geworden war. Die Taucher der Umweltorganisation fanden dann bei ihrer Recherche nur noch zerstörte und damit geleerte Fässer vor. Auf die Frage, was mit dem Inhalt geschehen sein könnte, gab es für die Aktivisten der NGO nur eine Erklärung: Die atomaren Abfälle müssen, da in die Umwelt entlassen, in die Nahrungskette gelangt sein – in einem Gebiet, in dem intensiver Fischfang betrieben wird.
Vor dem Hintergrund der Frage, wie der atomare Müll die Umwelt belastet, besucht das Filmteam anschließend die ehemaligen Produktionsstätten des amerikanischen „Manhattan-Projekts“. Hier am Columbia-River wird noch immer Uran zur Waffenverwendung angereichert. Amerikanische Umweltaktivisten weisen seit langem darauf hin, dass diese Anreicherung das Wasser des Columbia, das zur Kühlung verwendet wird stark kontaminiert. Bei Probenentnahmen kann ein unabhängiges Umweltinstitut, mit dem die Filmemacher zusammen arbeiten, die Annahmen der amerikanischen Umweltschützer, Teile der Uferbereiche seien ebenfalls verseucht, klar bestätigen. Dies alles vor dem Hintergrund, dass sich jedermann frei auf dem Fluss bewegen kann. Nun wenden sich die Autoren des Films der ehemaligen Sowjetunion zu. Hier hatten die einstigen Machthaber die zur Urangewinnung und –anreicherung benötigten Anlagen in den abgelegenen Gebiete des Ural angesiedelt. Seit den 1950er Jahren war es dort immer wieder zu schweren Unfällen gekommen. Einer der schwersten Unfälle vor der Katastrophe von Tschernobyl hatte sich 1957 in der kerntechnischen Anlage von Majak ereignet. Dabei waren große Flächen des Uralgebietes radioaktiv verseucht worden. Teile des betroffenen Raumes waren nicht nur nie geräumt worden. Ganz im Gegenteil werden dort seitdem permanent Gesundheitsstudien durchgeführt, die klar beweisen, wie sehr etwa die Gefahr an Krebs zu erkranken angestiegen ist. Die Filmbegleiter des französischen Umweltinstituts stehen dabei regelrecht fassungslos vor derart versuchten Bodenstellen, das sie sich dort nicht lange aufhalten wollen und nur schnellstens Proben entnehmen. Während sich die Bewohner, die es sich oft einfach nicht leisten können, das betroffene Gebiet zu verlassen, inzwischen regelrecht als „Versuchskaninchen“ fühlen - sie wissen um die vielen Krebstoten in ihren Dörfern - spielen die russischen Behörden die Gesundheitsrisiken herunter. Abwiegeln, ja teilweise bewusstes Wegsehen als Strategie verfolgen die Behörden ebenfalls bei den anderen atomaren Anlagen im Uralgebiet, etwa wenn das atomare Material in den Lagern der Wiederaufbereitungsanlagen auf riesigen Feldern unter freiem Himmel gelagert wird.
Dieser Umstand ist auch deshalb interessant, weil dort das Abfallmaterial etwa der französischen Kernkraftwerke wiederaufbereitet werden soll. Der französische Energiekonzern Areva behauptet mit dieser Wiederaufbereitung schaffe man einen permanenten Kreislauf des Brennstoffes. In Wahrheit lagert der französische Konzern seine Abfälle weitab der Blicke und somit der Fragen der eigenen Bürger/innen. Damit ist der Film wieder in Frankreich angekommen und das Filmteam fragt jetzt nach den Auswirkungen des Betriebs der französischen Wiederaufbereitungsanlage bei La Hague. Hier wird nicht nur weiterhin kontaminiertes Kühlwasser in den Atlantik geleitet sondern auch über die Abgase das angrenzende Gebiet mit nuklearen Zerfallsprodukten belastet. Greenpeace konnte dabei nachweisen, dass etwa die Kryptonabgase der Anlage zum Teil mit erheblichen Mengen, die jeden Grenzwert weit sprengen, ganz Europa kontaminieren. Auch Frankreichs Behörden spielen die im Film aufgezeigten Probleme herunter. Die Filmemacher verweisen dabei auf ein spezifisch französisches Problem: Eine kleine, sich selbst rekrutierende technokratische Elite von Ingenieuren besetze alle mit dem Thema beschäftigten Schlüsselpositionen des Systems. Frankreichs Politiker kümmerten sich um den ganzen Fragenkomplex generell nicht und seien, was grundsätzlich alle Fragen der atomaren Energiegewinnung betreffe, komplett ahnungslos – es kümmere sie auch gar nicht.
Mit dieser bitteren Erkenntnis endet der Film, ein beeindrucktes Gundelfinger Publikum hinterlassend. BUND, Grüne und SPD hatten vorher angekündigt im Anschluss allen Zuschauern/innen die Möglichkeit zur weiteren Diskussion und Information zu geben. Viele der Anwesenden nahmen die Gelegenheit denn auch wahr und informierten sich einmal am Infostand. Dort lagen eine ganze Reihe von Informationsmaterialen zur Mitnahme aus. Zudem bildeten sich nun eine ganze Reihe von Diskussionsgruppen, das Gesehene noch einmal bei einem Glas Wein oder Wasser Revue passieren zu lassen. Sicherlich…der Film war subjektiv, das wollte er auch sein. Trotzdem warf er einen erschreckenden Blick auf ein verdrängtes Thema und hatte manch einem/er bis dahin noch unbekannte Fakten zu bieten. Dieser Film sollte auch in anderen Gemeindekinos zu sehen sein. Die beteiligten Veranstalter BUND, Grüne und SPD jedenfalls waren mit dem Zuspruch und Verlauf des Abends äußerst zufrieden – dies wird nicht die letzte Kooperation gewesen sein.